Hans Rommerskirchen

Aus Liebe zur Musik

Hans Rommerskirchen ist aus der Krefelder Musiklandschaft nicht wegzudenken.

„Music was my first love“, sang John Miles 1976 in seinem übergroßen Hit, der zum Ohrwurm einer ganzen Generation wurde. Die Haare waren lang, die Hosen weit und die Blusen mit auffälligen Blumenmustern bedruckt. Wenn es nur einen Song gäbe, um das Leben von Hans Rommerskirchen zu beschreiben, wäre es wohl dieser. Denn viele Krefelder werden diesem Urgestein der lokalen Musikgeschichte in irgendeiner Form begegnet sein: Er war Schlagzeuger in Kultbands wie Fadfinder und Apares, sammelte über 1.000 Platten mit Musik von hier und schrieb an Büchern über Bands der 60er und 70er Jahre mit. Beat, Psychedelic, Rock und Neue Deutsche Welle – er hat alles erlebt und auch mit 70 Jahren noch große Träume.

Eigentlich hatte Hans Rommerskirchen seine umfassende Privatsammlung mit „Sounds of Krefeld“ an das Stadtarchiv übergeben. Mehr als 1.000 Tonträger in Form von CDs, LPs, DVDs, Singles und Musik-Kassetten, Schätze aus Schellack sowie Bücher und Plakate machte er so der Öffentlichkeit zugänglich: Liebevoll zusammengetragen in über 40 Jahren und alle mit Krefeld-Bezug, was eine ziemlich bunte Mischung aus Schlager, Heavy Metal, Filmmusik, Jazz, Reggae, Chorgesang, Elektro-Pop, Klassik, Blues, Rock oder Beat ergibt. Wer denkt nicht gleich an Kraftwerk, Blind Guardian, Dear Wolf, Andrea Berg, Mondo Mashup, M. Walking On The Water oder das Horst Hansen Trio? Doch sechs Jahre später hat der passionierte Drummer das Sammeln immer noch nicht drangegeben, wie der Blick auf den übersäten Holztisch im heimischen Wohnzimmer enthüllt. Zwischen Fotos und Samplern bleibt kaum Platz für das blaue Wasserglas, das zum Interview gereicht wird.

Lange Haare und Schnurrbart: So rockte Rommerskirchens erste Band in die Siebziger.

Mit glänzenden Augen hält der sportlich wirkende 70-Jährige eine mit Comicfiguren gestaltete Schallplatte der Ruhrpottband Fritz Kids vor die Brust. „Die Musiker sind zwar nicht aus Krefeld, aber das Artwork für das Cover stammt aus Krefelder Feder, nämlich von Jari Banas. Hier besteht eine Verbindung zwischen Musik und der darstellenden Kunst.“ Und diese bedeutet dem studierten Sozialpädagogen ziemlich viel, wie die vielen Bilder stadtbekannter Künstler an den Wänden belegen, darunter Mauga oder Will Cassel. „Letzterer ließ sich 1976 von meiner Band Apares zu einem Bild inspirieren; es heißt ‚Hura der Musica‘ und zeigt mich, den Keyboarder und den Bassisten. Der abgebildete Hahn steht für den Frontmann.“ Jeder Satz und jeder Blick von Hans Rommerskirchen strahlt Liebe aus – zu seiner Heimatstadt, zu Musik, Kunst oder Büchern und zu seiner Ehefrau, mit der er seit 44 Jahren verheiratet ist. Doch „meine erste große Liebe ist definitiv das Schlagzeug“, gibt er grinsend zu und ergänzt: „Da kannte ich Ulrike noch nicht.“ Er freut sich sichtlich auf die große Geburtstagsfeier mit Familie, Freunden und Musikern und blickt dankbar auf seine Wurzeln zurück: „Ich hatte viel Glück mit meinen Eltern, meinen Kindern und Enkeln – und mit meiner Frau!“ Ihr zuliebe ist der gebürtige Krefelder sogar seinem inzwischen ergrauten Schnäuzer treu geblieben, während die Haare heute kürzer sind als in den 70ern. Als „Langhaariger“, wie man in diesen Zeiten auf viele junge Menschen herabschaute, habe er sich nie betrachtet, eher als „lieber Junge“, der sich schon mit 16 Jahren für eine Ausbildung zum Erzieher entscheidet, den Wehrdienst verweigert und auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur baut, um seiner „Sehnsucht zu studieren“ nachzugeben. 37 Jahre lang arbeitet er anschließend bei der Dr. Ulrich-Lange-Stiftung, einer Wohnanlage für Körper- und Mehrfachbehinderte, und steigt vom Gruppenleiter über die Hausleitung bis zum Vorstandsposten auf. „Dieser Beruf hat durch den Wechseldienst an sechs Wochentagen viel Kraft gekostet, doch die Musik war immer ein guter Ausgleich“, resümiert Hans in versöhnlichem Ton.

Eine Unterhaltung mit Rommerskirchen wird schnell zum
Streifzug durch 40 Jahre Krefelder Rock-Geschichte.

Aufgewachsen in der Krefelder Innenstadt – der Vater Hans bekannt als ehemaliger Wirt der Gaststätte Tannenhöhe, die Mutter gebürtige Münchnerin – kommt Hans junior früh mit Musik in Berührung. Die tanzaffinen Eltern, die 1966 Deutsche Meister im Standardtanz werden und ihren nicht minder begabten Sohn beim Tanzunterricht als Assistenten einsetzen, hören auch zu Hause die üblichen Platten von Max Greger bis Hugo Strasser. Aus Pappkartons und Tesafilm baut sich der Teenager das erste Schlagzeug zusammen, bis er zum 14. Geburtstag ein richtiges Drumset erhält. „Das stand im elterlichen Schlafzimmer, und ich durfte damals nur zu bestimmten Zeiten spielen“, erinnert er sich an die Anfänge eines intensiven Hobbys, das ihn 40 Jahre lang in Krefelder Bands wie Fadfinder (New Wave), Apares (melodischer Krautrock) oder Liquid Skies (die letzte Band) spielen lässt. Zu seinen Lehrern gehören bekannte Namen wie Rolf Paul Jeuken alias Rastelli und Waldo Karpenkiel; inzwischen sind die beiden Drumsticks nur noch im Einsatz, wenn zwei seiner Enkelkinder kommen, erzählt der fünffache Großvater entspannt. Wir tauchen kurz ein in die 70er Jahre, als es üblich war, die Nachmittage bei Funkhaus Kamp am Ostwall zu verbringen – auf den Kopfhörern Musik von Alice Cooper, Chicago oder Frank Zappa. Die Sammelleidenschaft wurde schon 1970 mit der ersten Single von Trash entzündet: „Livingin the garden“ war der Titel, auf der B-Seite gab es „Why is there war?“, berichtet Hans und bezeichnet sich fröhlich als „Hippie im Herzen“, weshalb er jetzt auch im grünen Bockum in der Nähe vom Zoo wohne.

Erst neulich hat die Rheinische Post den Musikliebhaber als „Wikipedia der Krefelder Bandgeschichte“ beschrieben, und das aus gutem Grund: Mit seinem Freund Wolfgang Hellfeier, Schlagzeuger und Percussionist Waldo Karpenkiel und dem in diesem Jahr verstorbenen Stadtführer Ulrich Pudelko schrieb Hans Rommerskirchen die Bücher „Wer beatet mehr?“ und „Krefeld rockt die Siebziger“ über die lebendige Live-Musikszene der Seidenstadt in den 60er- und 70er-Jahren. Hier kann man beispielsweise nachlesen, warum die Beatles nie in Krefeld auftraten (die Gage war zu hoch), bei welchem Chinesen The Who gegessen haben (gegenüber von C&A) und wie The Kinks die Viehhalle zum Glühen brachten. Auch Vorträge gehören zum breiten Repertoire des Musikenthusiasten. Das sei sein erster Traum gewesen, Bücher über „unsere Musik“ zu schaffen, sagt er bescheiden zwischen einer seiner zahlreichen Anekdoten und kann es kaum fassen, dass die 60 langen Nächte der intensiven Archivrecherche solche Früchte getragen haben. Auch der zweite Traum, die Mitarbeit an der Ausstellung „Von der Lochkarte in die Cloud“ mit einem eigenen Raum zum Thema „Krefeld rockt“, habe sich erfüllt. Das Jagdschloss der Burg Linn sei ein wunderbarer Ort gewesen, um Musikgeschichte darzustellen – „schließlich haben sich schon die Seidenbarone damit geschmückt, berühmte Zeitgenossen einzuladen. Gustav Mahler hat hier seine 3. Sinfonie uraufgeführt, Johannes Brahms hat hier dirigiert und Freunde besucht.“ Und noch immer ist genug Platz für weitere Projekte und Träume, auch wenn der agile Rentner mit Hobbys wie Reisen, Gartenarbeit oder Yoga und fünf Enkeln eigentlich ausgelastet sein sollte.

„Mein großer Traum ist ein Museum mit Krefelder Musik, Plakaten, Instrumenten, Krefelder Musikerprofi len und vielen anderen Sachen, die mit Musikern, Bands und Musikmachen zusammenhängen“, lässt uns Hans noch wissen, während er einen seiner Krefeld-Sampler in den CD-Player schiebt. Welche der drei Playlists auf der Party gespielt wird, steht noch nicht fest. Aber mit Sicherheit ist „Music“ von John Miles dabei.

Fotos: Lucas Coersten
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